Schiris: Stars, Originale, Fehlentscheidungen

06.01.2010

Der 13. Februar 2005 war ein schwarzer Tag für den Fußball: Pierluigi Collina wurde 45 und hatte damit die Altersgrenze für Schiedsrichter erreicht. Von da an konnte man den charismatischen Glatzkopf aus Bologna, der allgemein als Bester seines Faches galt, nicht mehr auf der internationalen Fussballbühne bewundern. Wobei man sich ja hierzulande nicht unbedingt gerne an seine größten Spiele erinnert: das WM-Finale 2002 gegen Brasilien wurde ebenso verloren wie das tragische Endspiel in der Champions-League 1999 zwischen dem FC Bayern und Manchester, als Sheringham und Solskjaer mit ihrem last-minute Doppelschlag die Titelträume der Münchner platzen ließen.

An Collina ließen sich diese Niederlagen allerdings nicht festmachen – er pfiff gewohnt souverän. Wie überhaupt sein gesamtes Auftreten auf dem Fußballplatz ein Höchstmaß an Souveränität ausstrahlte. Da bedarf es keiner theatralischen Gestik – hier ein Lächeln, dort der gefürchtete Collina-Blick und das Spiel läuft tadellos. Der Referee als Star unter Stars, denn der Italiener besaß einen ähnlich hohen Bekanntheitsgrad wie die Topakteure unter den Kickern – und ebenso lukrative Werbeverträge.

Die internationalen Spitzen-Schiedsrichter, zu denen natürlich auch Deutschlands Vorzeige-Zahnarzt Markus Merk gehörte, zeichnet sowieso längst eine absolut profihafte Einstellung aus. Da muten die Geschichten um Schiri-Original Wolf-Dieter „Ahli“ Ahlenfelder, der sich schon äußerlich sehr stark von den durchtrainierten Kollegen der ‚Next Generation‘ unterscheidet, wie aus der Steinzeit an. Die Bekannteste: Am 8. November 1975 pfeift Ahlenfelder die erste Halbzeit der Bundesliga-Begegnung zwischen Bremen und Hannover 96 zur allgemeinen Verblüffung schon nach 29 Minuten ab. Erst nach einem dezenten Hinweis des verstörten Linienrichters lässt sich der Mann aus Oberhausen erweichen, die Partie noch einmal anzupfeifen. Unkoordiniertes Gestikulieren und seine äußerst heitere Grundstimmung drängen schließlich den Verdacht auf: der Mann ist betrunken. Das bestritt Ahlenfelder nach dem Spiel, aber: „Okay, ein paar Malteser waren es vor dem Spiel. Wir sind doch Männer – wir trinken keine Fanta.“ Angeblich erhält ein Gast heute noch in Bremer Kneipen ein Bier + Korn, wenn er einen „Ahlenfelder“ bestellt.

Es braucht aber keine Promille im Blut, um als Schiedsrichter krasse Fehlentscheidungen zu treffen. Kurios war das in die Annalen der Fussballgeschichte eingegangene „Phantomtor“. 23. April 1994: Bayern gegen Nürnberg, 21. Minute. Thomas Helmer versucht es im allgemeinen Strafraumchaos der Franken brasilianisch mit der Hacke, schiebt den Ball aber aus kürzester Distanz nicht nur am geschlagenen Club-Keeper Köpke sondern auch am Tor vorbei. Der sich peinlich berührt abwendende Helmer bricht allerdings kurz darauf in ungläubigen Jubel aus, weil Linienrichter Jablonski einer optischen Täuschung erlegen ist und den gegen das Außennetz springenden Ball im Tor vermutet. Fahne hoch – Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers deutet zur Mittellinie – 1:0 für den FC Bayern.

Allerdings sind solche ungewöhnlichen Blackouts die Ausnahme, oder wie es Ex-Fifa-Referee Bernd Heynemann formuliert: „Wir liegen bei einer Trefferquote von 96 Prozent. An den restlichen vier Prozent müssen wir noch arbeiten.“ Das ist aber auch nicht unbedingt nötig, denn über fast nichts lässt es sich schöner diskutieren, als über strittige Schiedsrichterentscheidungen.


(erschienen: www.masters-game.de;2005)