"Tatort: Kopfgeld"

10.03.2014

"Kopfgeld", der zweite "Tatort" mit Til Schweiger als Kommissar Nick Tschiller, startet von null auf hundert. Tschiller wird beim Handschellen-Sex mit der Staatsanwältin von seiner Tochter erwischt, kann gerade noch aus einem explodierenden Auto springen, wird für tot erklärt, bricht dem Obergangster die Nase und wird nach einer Schlägerei an den Heizkörper gekettet.

Zu diesem Zeitpunkt ist gerade mal eine Viertelstunde Sendezeit vorbei, und man fühlt sich von dem in Höchstgeschwindigkeit ablaufenden Thriller nicht schlecht unterhalten. Doch dann hat "Tatort: Kopfgeld" sein Pulver verschossen und taumelt uninspiriert von einem Logikloch ins nächste. Dazu suggeriert der massive Soundtrack unaufhörlich nicht vorhandene Blockbuster-Qualitäten und Til Schweiger gibt ohne einen Funken Selbstironie den Superbullen mit Herz auf persönlichem Rachefeldzug.

Eine persönliche Angelegenheit für "Bulle gnadenlos"

In Fortsetzung zu Tschillers erstem Fall "Willkommen in Hamburg" hat es der "Bulle gnadenlos" (so ein Boulevardblatt im Film über Tschiller) wiederum mit dem kurdischen Astan-Clan zu tun. Oberhaupt Firat Astan (Erdal Yildiz) operiert aus dem Knast heraus - wohin ihn Tschiller gebracht hat - mit zwei Zielen vor Augen: den verhassten Polizisten töten zu lassen und den Drogenhandel in Hamburg an sich zu reißen.

Wohl um für Tschiller die Sache zu einer persönlichen Angelegenheit zu machen, zieht Drehbuchautor Christoph Darnstädt alle Register. Als die Bombe in Tschillers Auto explodiert, ist zufällig seine Ex-Frau (Stefanie Stappenbeck) dabei; bei einer Schießerei in der Disco ebenso zufällig seine Tochter Lenny (Luna Schweiger). Und Staatsanwältin Lennerts (Edita Malavcic), Tschillers neue Flamme, wird von Firats Handlangern brutal zusammengeschlagen.


Klischees und Abziehbildchen

Kein Wunder also, das Tschillers Gesichtsausdruck immer grimmiger wird, und er bei seinem Alleingang austeilt wie Liam Neeson in "96 Hours" und einsteckt wie Bruce Willis in "Stirb langsam" - zumindest in der Theorie, denn auch die Actionszenen sind schwach inszeniert. Dazwischen darf Schweiger wie gewohnt immer wieder den liebenden Vater geben und wirkt dabei wie ein wandelndes Klischee seiner selbst. Genauso klischeehaft kommen auch seine Gegner daher, die als finstere Kurdengangster-Abziehbildchen die Schwarzweißmalerei komplettieren.

Denn war Schweigers Figur bei ihrem ersten "Tatort"-Auftritt doch noch halbwegs in der Realität verortet, so mutiert sie in "Kopfgeld" vollkommen zum Superhelden. Tschiller darf im Verhörraum Oberbösewicht Firat ungestraft die Nase brechen, schaltet direkt vom Tropf kommend schwerbewaffnete Gegner in Nullkommanix aus und bringt nebenbei den Gangsternachwuchs wieder auf die rechte Bahn.

Film komplett überladen

Dazu kommt, dass sich die Handlung in zu vielen Aspekten verliert. Da wäre die Bedrohung von Tschiller und seiner Familie, der blutige Drogenkrieg auf dem Hamburger Kiez und schließlich auch noch der desillusionierte Drogenfahnder Kromer (Ralph Herforth), der Astan als Informant dient, um eine alte Rechnung mit dessen Konkurrenz im Drogengeschäft zu begleichen. Dadurch wirkt der Film komplett überladen und die einzelnen Handlungsfäden fügen sich nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Fragen über Fragen

Richtig ärgerlich sind die vielen Ungereimtheiten, die den Spaß an "Kopfgeld" dann vollends zerstören. Wieso etwa können die Gangster tagelang über eine Wanze abgehört werden, die nicht gerade unauffällig an der Winterjacke eines der Gang-Mitglieder steckt? Zieht der die denn nie aus? Wenn für die bösen Jungs nichts wichtiger ist, als Tschiller endlich auszuschalten, warum soll den bewusstlos im Krankenbett liegenden Kommissar ausgerechnet ein 13-Jähriger abknallen (der solange wartet, bis ihm Tschiller die Waffe abnimmt)?

Warum vergewissern sich die ansonsten professionell vorgehenden Gangster nicht, ob die zum Schutz Tschillers abgeordnete Kollegin Kallwey (Britta Hammelstein) wirklich tot ist? Und warum steht diese nach zwei Volltreffern in die kugelsichere Weste in Sekundenschnelle wieder auf, als sei nichts gewesen? Und schließlich: Warum wird Tschiller nach dem Bombenanschlag auf ihn öffentlich für tot erklärt, nur um kurz darauf Firad im Verhörzimmer zu attackieren?

Wenn Sie dies alles beantworten können, dann sollten sie sich vielleicht als Drehbuchautor zum nächsten Schweiger-"Tatort" bewerben. Denn die Macher scheinen offenbar vorzuhaben, Tschillers Kampf gegen den Astan-Clan weiterzuerzählen.

(geschrieben für: t-online.de)